Das Mädchen mit dem Haifischherz von Jenni Fagan

Anja Druckbuchstaben | 12 April 2014 |
Klappentext:
Anais Hendricks ist fünfzehn und sitzt auf dem Rücksitz eines Polizeiautos. Ihre Schuluniform ist blutverschmiert, und am anderen Ende der Stadt liegt eine Polizistin im Koma. Doch Anais kann sich da an nichts erinnern. Jetzt ist sie auf dem Weg ins Panoptikum, einer Besserungsanstalt für schwer erziehbare Jugendliche, die für das Waisenkind am Ende einer langen Kette von Heimen und Pflegefamilien steht.

Während Anais sich mit Mut und Fantasie durch ein Leben boxt, das ihr einen Schlag nach dem anderen versetzt, findet sie in den anderen Jugendlichen des Panoptikums fast so etwas wie eine Familie. Eine Familie, die sich ihre eigenen Mythen und Legenden schafft und deren Bande stärker sind als das System, aus dem es scheinbar kein Entkommen gibt. Es sei denn du hast ein Haifischherz und Freunde, die dir helfen, ihm zu folgen …
 
Mein Senf zum Buch:
Bevor das Buch bei mir eingezogen ist, habe ich schon einige sehr kritische Meinungen auf unterschiedlichen Blogs gelesen. Umso mehr habe ich mich auf dieses Buch gefreut. Ich glaube einige Leser hatten im Vorfeld falsche Erwartungen. Hier erwartet euch nämlich keine 0815 Fantasystory, hier geht es um etwas Echtes! Vielleicht fällt es vielen auch einfach schwer, mit der Realität konfrontiert zu werden.
Ich weiß nicht woran es genau liegt, aber ich habe irgendwie den Drang, Anais, das Mädchen mit dem Haifischherz, verteidigen zu müssen. 
 
Die Sprache im Buch ist meistens sehr direkt und derbe, eben deshalb, weil Anais oft derbe und direkt ist. Wenn man es als Leser schafft, hinter diese Oberfläche zu schauen, erst dann sieht man sie wirklich.
Anais hat in ihrem jungen Leben schon viel Mist erlebt und gesehen. Sie reist von Heim zu Heim, von Pflegefamilie zu Pflegefamilie und von Schlamassel zu Schlamassel. Sex, Gewalt und Drogen sind im Buch allgegenwärtig, trotzdem würde ich nicht sagen, dass Anais ständig nur drauf ist. Das ganze ist wesentlich komplexer. Anais ist ein helles Köpfchen, sie ist sensibel und anständig. Sie hat Gefühle und Träume. Ich würde sie als guten Menschen bezeichnen. Ihre innere Einstellung u. a. zu Gewalt und Kindesmisshandlung ist bemerkenswert. Am besten bringe ich euch Anais mit Hilfe von Zitaten näher:

"Ich hasse es, bitte zu sagen, ich fühle mich dann immer so billig. Ich hasse es auch, danke zu sagen. Ich hasse es, zu sagen, dass ich etwas brauche. Wenn ich jeden Morgen erst mal um Luft bitten müsste - dann wäre ich schon längst mausetot." (S. 33)

„Hier kommt, wovon du keine Ahnung hast – ich würde sterben für jemanden, den ich liebe; ich würde jeden fertigmachen, der ein Kind missbraucht oder einen älteren Menschen verarscht. Manchmal deale ich oder schlage Sachen kaputt oder prügle mich, aber ich bin ehrlich wie niemand, und das wirst du nie kapieren. Ich habe Bücher gelesen, die du nie aufschlagen würdest, habe zu Musik getanzt, die du nicht verstehst, und ich habe mehr Klasse und Mumm und Seele in meinem kleinen Finger, als du jemals in deinem ganzen armseligen kleinen Scheiß-Leben haben wirst.“ (S. 182)
 
 
Es hat mir gut gefallen, in Anais Gedankenwelt abzutauchen. Diese ist zum Teil sehr philosophisch, manchmal sogar regelrecht poetisch. Ich kann jedoch nicht ausschließen, dass dies evtl. Folgen des täglichen Drogenkonsums sind. Anais hat eine mächtige Identitätskrise, sie ist psychisch nicht ganz auf der Höhe und außerdem paranoid.
 
"Wie kann ich sicher sein, dass ich kein Experiment bin? Kann ich nicht. Fakt. Und der andere Fakt ist: Niemand kann sicher sein, weil wir alle durch die Welt treiben, ohne eine Ahnung, was das Universum ist oder was der Tod ist oder was passiert, nachdem man gestorben ist." (S. 260)

"Ich traue der Stille nicht, ich traue der Realität nicht, und Sozialarbeitern traue ich auch nicht. Ich traue Lehrern nicht und erst recht nicht der Polizei, Psychologen, Clowns, Äpfeln, rotem Fleisch und Kühen. Kühe sind einfach zu groß und sie haben telepathische Fähigkeiten. Wenn man an einem Feld mit Kühen vorbeiläuft, drehen sich alle gleichzeitig um wie ein einziges Wesen und glotzen einen an." (S. 109)  
 
Anais ist mir im Laufe des Buches sehr ans Herz gewachsen und deshalb bin ich verdammt froh, dass sie am Ende sagt: "Diese Seele kriegen sie nicht" (S. 303

Fazit:
Wer bereit ist, kurz aus den Fantasy-Welten aufzutauchen und sich auf Anais und ihre Geschichte einzulassen, der wird es nicht bereuen.
 
5 von 5 Sternen



Kommentare:

  1. Hallo Anja,
    erstmal... ich finde deine Rezi super! Das ist kein rumschleimen, sie ist wirklich klasse geworden. (Unter uns: Ich hab sie zweimal gelesen, weil ich die Zitate so schön finde!^^)
    Und nun zum Buch, ich glaube das liegt daran das Leute vielleicht etwas anderes erwartet hätten. Ich habe eigentlich kein Problem mit Geschichten die sehr Realitätsnah sind, dennoch bin ich mir hier überhaupt nicht sicher.
    Ich weiß nicht ob ich mit Anais klar kommen würde. Wenn es nur Drogen nehmen wären... okay, aber dann auch dealen. Bei allem was sie erlebt hat, mag ja sein das sie es so verarbeite, meinetwegen auch mit Gewalt und Sex. Aber das deckt sich nicht mit der anderen Seiten, die du erwähnst. Ein Mädchen welches sich für ältere Menschen einsetzen würde, für Kinder die missbraucht werden oder sterben würde für jemanden den sie liebt. Allein die Gedanken (Zitate) finde ich sehr faszinierend. Ich bin hin- und hergerissen ob ich es mit dem versuchen sollte. :(

    Wirklich eine tolle Rezension, wie gesagt ich hatte mit dem Buch eigentlich schon abgeschossen und dann das... ach mensch. :) UND bitte entschuldige den Roman aber es ging nicht anders. :P

    Liebe Grüße
    Katja

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    1. Schreibfehler-Alarm!!!! :)
      Es muss natürlich... *verarbeitet, *Seite und *mit dem Buch ... heißen. Ich brauch noch mehr Kaffee, dass ist ja peinlich. -.-
      Gestern Abend Überstunden gemacht mit "Noah und Echo". :)

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    2. Hi Katja!
      Danke für diesen tollen Kommentar =).
      Zu Anais kann ich nur sagen: Die ist nunmal in dieses Leben von Drogen, Sex und Prostitution hineingeboren, umso erstaunlicher finde ich es, wie es in ihr drin aussieht, welche Grundsätze sie hat und was sie wirklich denkt. Seien wir doch mal ehrlich, die wenigesten kommen aus diesem Kreislauf jemals wieder raus, aber Anais ist anders! Sie hat mehr Träume und Persönlichkeit in sich, als die Realität zerstören kann. Auch wenn das Buch stellenweise sehr schockierend ist, hat es mir sehr gut gefallen =). Überleg dir das mit dem Lesen nochmal ^^.

      Ach übrigens, bei mir ist grad "Flammenmädchen" eingezogen. Ich bin total gespannt. Liest du es auch???

      Btw: Wer Schreibfehler findet, kann sie behalten, ich seh das nicht so eng =)

      LG
      Anja

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    3. So nochmal kurz vorbei geschaut.
      "Flammenmädchen" steht auf jeden Fall auf meiner Wuli weiter oben, wird also definitiv von mir gelesen. Ich denke auch recht bald. Aber eingezogen idt es noch nicht! :)

      Na Gott sei dank... die Schreibfehler konnte ich aber so nicht stehen lassen. :)

      Liebe Grüße ♥

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    4. Boah... es sollte natürlich "ist" heißen. Keine Ahnung was heut los ist. Ich verschwinde ins Bett. :)

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  2. Ich habe das Buch schon mal gesehen, ihm aber eher wenig Beachtung geschenkt, aber deine Rezi ist irgendwie ... überzeugend. Ich hätte vielleicht ein bisschen was anderes erwartet, aber jetzt reizt es mich doch schon. Vielleicht ist es ein bisschen anders als andere Bücher, aber Lesen ist dazu da, dass man seinen Horizont erweitert, oder? ;)
    Also: Tolle Rezi, ich werde das Buch wohl im Auge behalten.

    Liebe Grüße
    Dana

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