Hass ist keine Meinung von Renate Künast

Anja Druckbuchstaben | 15 November 2017 |
Erschienen am 28.08.2017 | 192 Seiten | 14,99 €
Renate Künast | Heyne Verlag


Klappentext

»Du ekliges Wesen«, »Gesindel«, »du dummes Stück grüne Scheiße« – vermeintlich besorgte Bürger machen ihrer Wut in Hassmails oder feindseligen Kommentaren auf Facebook und Twitter Luft. Adressaten sind engagierte Menschen: Flüchtlingshelfer ebenso wie sozial Engagierte, Journalisten ebenso wie Politiker. Auch Renate Künast bekommt täglich den Hass zu spüren. Doch sie geht in die Offensive, reist zu den Absendern, sucht das Gespräch. In klarer Sprache analysiert sie nun, woher der Hass kommt, warum AfD, Trump und Co. die Wut schüren und wie sie ihnen nützt – und sie warnt davor, wohin der Hass führen wird, wenn wir jetzt nicht eingreifen. (Quelle: Heyne Verlag)


Senf

"Der Vorwurf, man dürfe in Deutschland seine Meinung nicht sagen, hält sich hartnäckig. Er ist für mich der erfolgreichste Fall von Fake News." (S. 89)

Das Internet bietet uns ein unbegrenztes Angebot an Informationen und viel Freiheit. Es ermöglicht eine Kommunikation mit Personen auf der ganzen Welt in Echtzeit, unter anderem über soziale Netzwerke.
Dass Prominente, Politiker und sonstige Personen des öffentlichen Lebens nicht nur mit den Sonnenseiten konfrontiert werden, sondern auch jeder Menge Kritik und Hass augesetzt sind, sollte mittlerweile bei allen angekommen sein. Soziale Netzwerke und sonstige Plattformen machen es einfach, schnell mal seinen Senf dazu zu geben.
Dabei vergessen so einige ihre gute oder auch weniger gute Kinderstube und werfen jegliche Moral über den Haufen. Da werden wirklich zum Teil widerliche Hasskommentare vom Stapel gelassen. Mit einem Klick ist alles erledigt und hier darf doch jeder seine Meinung äußern oder?
Es ist schon erschreckend, was da alles gepostet wird. Renate Künast beschreibt hier ihre eigenen Erfahrungen und wie sie damit umzugehen versucht.
Ich finde den Ansatz von Frau Künast mutig und ungewöhnlich für eine Politikerin. Sie sucht hier tatsächlich Personen auf, die Hasskommentare zu ihrer Person geschrieben haben. Dabei hatte ich zu keiner Zeit das Gefühl, dass sie die Leute an den Pranger stellen will, sondern tatsächlich um Aufklärung bemüht ist.
Im Verlauf war ich nicht immer ihrer Meinung und ich finde auch nicht ausnahmslos alles gut, was sie da tut. Beispielsweise fand ich den Tweet über den Vorfall in einem Zug in Bayern und bzgl. des Verhaltens der Polizei nicht gut.
Bei einigen der Konfrontationen war ich mir manchmal nicht sicher, ob ich lachen oder lieber weinen soll. Unglaublich was Menschen so für Ansichten haben und zu welchen Aussagen sie sich hinreißen lassen. Sehr erschreckend. 
"Ja, es gibt viele Dinge, über die man sich ärgern kann. Aber das ist keine Entschuldigung für schlechtes Benehmen, erst recht nicht dafür, anderen Menschen die Würde zu nehmen. Es gibt andere, sachlichere Wege, Ärger und Kritik zu äußern." (S. 179)
Doch es geht hier nicht nur um Hasskommentare, sondern noch viel mehr. Zum einen geht Frau Künast auf die Entwicklung der rechtsgesinnten Parteien ein, wobei Fake-News ein zentrales Thema sind und zum anderen geht es um die Gefahren im Internet, die einem zunächst gar nicht gefährlich vorkommen. Das war nicht alles neu für mich, aber hier wurde es wirklich interessant.
Die wenigsten Internetnutzer wissen, dass sie sich in sogenannten Filterblasen und Echokammern bewegen. Wir bekommen genau das gezeigt, was Algorithmen für uns ermitteln. Ein erhaltenes Suchergebnis oder angezeigte Nachrichten mögen auf den ersten Blick objektiv und umfassend wirken, doch das sind sie nicht. Die größte Herausforderung ist also längst nicht mehr der Zugang zum Internet bzw. dessen Bedienung an sich, sondern die eigene Fähigkeit tatsächliche Fakten von Fake News zu unterscheiden. 
"Wenn Fake News gelöscht werden, haben sie ihr Ziel in der Regel längst erreicht: Sie haben sich in den Timelines und in den Köpfen zahlreicher Menschen festgesetzt." (S. 81)
Im weiteren Verlauf ist oft von Trump, Russland und großen Unternehmen die Rede, die digitale Daten für ihre Zwecke nutzen und verbreiten. Es fiel mir zunehmend schwer zu entscheiden, was davon Fakten sind und was nicht. Insgesamt hat es einen Touch von Verschwörungstheorie. Haben digitale Daten wirklich einen so großen Einfluss auf unser Handeln und unsere Entscheidungen? Alles klingt erschreckned plausibel und doch bin ich da sehr skeptisch.

Wer Lust auf das Buch hat (und das Thema geht wirklich jeden etwas an), der muss sich mit Begriffen wie Data-Mining, Fake History, alternative Fakten, Camebridge Analytica, Filterblasen, Echokammern, Fake-Accounts, Social Bots, Hatespeech, Microtargeting und hoaxmap.org aueinandersetzen. Das kann wirklich nicht schaden!

Am Ende des Buches mag ich Facebook noch weniger als vorher und ich werde mich zukünftig weiterhin bemühen, Dinge zu hinterfragen. Das betrifft ganz besonders Nachrichten und die Art und Weise der Berichterstattung. 

Fazit

Ich finde das Buch von Renate Künast insofern gut, dass es einem in Erinnerung ruft, andere Personen mit Respekt zu behandeln. Das gilt für das Real Life ebenso wie für Aktivitäten im Internet. Denn Respekt ist schließlich das, was alle automatisch auch für sich selbst erwarten.
Das Buch beschäftigt sich thematisch aber nicht nur mit Hasskommentaren und der Konfrontation mit den Schreiben, sondern schneidet auch ein wichtiges Thema für unser tägliches Verhalten an: Digitale Daten. Wir sind täglich Fake News ausgesetzt und es fällt zunehmend schwerer zu erkennen, was Fakt und was Lüge (also alternativer Fakt) ist. Das dünne Buch behandelt diese Themen nicht allumfassend, sondern reißt sie lediglich an, trotzdem war ich positiv überrascht! Frau Künast bestärkt mich darin, Nachrichten, Meldungen und Gerüchte nicht als gegeben hinzunehmen, sondern immer zu hinterfragen. Denn wir dürfen nicht vergessen:
"Gezielt gestreute Gerüchte haben in der Geschichte vergangener Jahrhunderte verheerende Ausbrüche von Gewalt gegen Minderheiten ausgelöst." (S. 79)
Der Appell an alle ist also sowas wie: Glaubt nicht alles, was man euch erzählt. Vor allem nicht, was das Internet euch erzählt! Lasst euch nicht so einfach anstacheln. Springt nicht auf jeden Zug auf. Prüft die Fakten, bleibt skeptisch und setzt euer Gehirn ein.

(4 von 5 Punkten)




Vielen Dank an den Heyne Verlag für das Rezensionsexemplar!



Wer Lust hat sich ein bisschen mehr mit Algorithmen zu beschäftigen,
der sollte sich mal dieses Buch anschauen:

(Hier geht's zur Rezension)


Kommentare:

  1. Scheint wirklich ein Buch zu sein, was den Zeitgeist gut einfängt. Und was den Einfluss von sozialen Medien beispielsweise für den Wahlausgang Trumps angeht, so kann ich da doch ganz gut an Verschwörungstheorien glauben. Gerade wenn es darum geht, Menschen, die bereits leicht rassistische Aussagen online getroffen haben, dann in einer Echokammer einzuschließen, in denen sie nur noch Bestätigung für ihre aufkeimenenden Vorurteile finden... Naja. Und leider schafft es eben nicht jeder, selbst unter Zuhilfenahme des Gehirns, die Informationen im Internet zu filtern.

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    1. Hey =)

      du hast völlig recht, dahingehend ist das Buch wirklich interessant und bietet mehr als ich erwartet hatte. Als Denkanstoß absolut zu empfehlen.

      LG
      Anja

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  2. Hallo Anja,

    danke für die tolle Rezension, Respekt für Frau Künast, dass sie die Leute besucht.
    Ich selbst lerne mich da immer besser abzugrenzen. Man darf auf den Scheiß einfach nicht eingehen. Aber manchmal liest man die Sachen dann halt doch. Mir ist es allerdings zu mühsam, mit solchen Leuten zu diskutieren. Ich habe das Gefühl, da kommt Null an.
    Ich werde mir das Buch auf jeden Fall notieren und das das andere mit dem Algorthimen gleich mal lesen. Das finde ich nämlich auch eine sehr interessante Sache, dass wir alle in unsere kleinen Blase leben und die Dinge zu sehen bekommen, die uns eh interessieren.

    Ich habe vor kurzem ein ähnliches Buch wie das von Fr Künast gelesen. "Über den Anstand in schwierigen Zeiten.." Falls es Dich interessiert: https://hundertmorgen-wald.blogspot.de/2017/11/rezension-uber-den-anstand-in.html

    Liebe Grüße
    Lilly

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    1. Hey Lilly =)

      ich kann verstehen, dass dir das zu mühsam ist, ich sehe deshalb auch über vieles hinweg. Aber ganz ehrlich, Konfrontation ist das letzte mit dem diese Kommentar-schreiber rechen, von daher ist es echt spannend.
      Dein Büch schau ich mir gleich mal an.

      LG
      Anja

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